Rentnerparadies

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Schluck. Seufz. Winsel. Heute wird es ganz schwer, mein kleines Hundeherz. Hätten wir eine Fahne in unserem Garten, ich würde sie auf Halbmast hängen. Nachdem unsere Familie ja gestern Zuwachs bekommen hat – mein neuer Pferdebruder Nixon ist da -, beklagen bejammern wir heute einen Abgang.

Da ich diese Zeilen schreibe, ist Frauchen mit meinem liebsten Pferdefreund Globus unterwegs ins Rentnerparadies. In der bayrischen Rhön soll unser Fuchs seinen Lebensabend verbringen und einfach nur Pferd sein. Das ist schön. Schrecklich ist: dieser Abschiedsschmerz. Dieser Kummer. Hundeelend ist mir zumute. Hundsmiserabel fühle ich mich. Ich leide wie ein… also gut, Schluss jetzt mit den billigen Wortspielen, die Lage ist ernst.

Ich vermisse Dich schon jetzt, Globus. An einer Pfote lassen sich die Tage abzählen, an denen ich Dich seit meiner Geburt nicht gesehen habe. Frauchen hast Du 13 Jahre lang Huckepack genommen und durch die Wälder und über Felder geschaukelt. Stoppelackergaloppieren mit Dir findet Frauchen geiler als Sex – eine Wahrheit, die Herrchen Brechreiz verursacht.

Was ich alles von Dir gelernt habe. Dass es sich zu kämpfen lohnt, wenn’s mal Scheisse läuft. Deine Sehnenverletzung hätte um ein Haar dazu geführt, dass man Dich einschläfern muss – aber Du hattest Deinen Lebensmut und Deine gute Laune nie verloren.

Ich habe auch gelernt: Alle guten Typen sind ein bisschen gaga in der Birne. Bei Reitturnieren konnte es passieren, dass Du alle Lektionen in der Mitte des Vierecks mit Bravour gelaufen bist, doch an die Bande hast Du Dich nicht getraut. Weil Du dachtest, hinter der Bande habe sich ein Gespenst versteckt und es sei nur gekommen, um Dir aufzulauern. Beim Springen konnte es sein, dass Du Hindernisse mit rot-weissen Stangen locker genommen hast, doch bei den grün-weissen ging gar nichts. Warum? Weil Dir nach grün eben nicht zumute war. Weil grün scheisse ist. Weil grün Angst macht.

Wärest Du ein Schauspieler und beim Film gewesen – dann hättest Du in Hollywood gross Karriere gemacht. Die wirklich schwierigen Rollen, in denen man Charaktere voller innerer Gegensätze darstellen muss, hättest Du mit Bravour gespielt. Ein muskulöser Kraftprotz mit 550 Kilogramm Gewicht bist Du – und doch so unglaublich charmant und gutaussehend. Schwarzenegger und Richard Gere in einer Person. Und dann die Psycho-Meise, die Du hast. Ein Schrank von einem Kerl und doch irgendwie nicht ganz knusper. Du hättest brilliert in den „Sopranos“ als Mafiaboss Tony, der erst das Verbrechen in New Jersey organisiert, um sich anschliessend bei einer Psychiaterin auszuweinen und Traumata aus der Kindheit zu analysieren.

Wärest Du als Auto auf die Welt gekommen, dann garantiert als italienischer Sportwagen. An schlechten Tagen springst Du nicht an. Doch an guten Tagen läufst Du mit einer Eleganz und Leichtigkeit, die ihresgleichen sucht. Und wie das bei italienischen Sportwagen so ist: Wenn die Garantie abgelaufen ist, dann gehen wichtige Teile schon mal kaputt. Deine Sehne.

Wir würden Dich natürlich niemals verschrotten. Italienische Oldtimer bekommen Ehrenplätze. Sie sollen es gut haben. Sie werden gepflegt. Sie werden gestreichelt. Sie gehen einem niemals aus dem Kopf. Zu besonderen Anlässen holt man sie noch mal raus. Und man liebt sie. Für immer.

Ich habe jetzt schon Sehnsucht nach Dir.

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